Überlass dich insgeheim Geschriebenem

 

 

Wenn den Asterblüten im Reif der Tag welkt

Sturm einem Baum das Blatt zerfetzt

Und bittere Herbstgedanken spuken

Dann sing dir das heimlich geschriebene Lied

 

 

 

Bo djü-i

 

 

 

 

 

foto: Otto Lenk
foto: Otto Lenk




Die alten Meister schliefen ohne Träume und erwachten ohne Sorgen. Ihre Nahrung war schlicht. Ihr Atem kam von tief innen in ihnen. Sie klammerten sich nicht an das Leben, fürchteten nicht den Tod. Sie gingen wunschlos hervor und gingen widerstandslos wieder ein. Sie kamen leicht; sie gingen leicht. Sie vergaßen nicht, woher sie stammten; sie fragten nicht, wohin sie gingen. Froh nahmen sie alles, wie es kam, und gingen in den Tod ohne Furcht. Sie nahmen das Leben als ein Geschenk und gaben es dankbar zurück.


 

Dschuang - dzi




foto: otto lenk
foto: otto lenk

 

 

 

 

 

all things hang like a drop of dew

upon a blade of grass

 

 

w.b. yeats










warst wirklich du es,

den ich sah,

oder ist diese freude,

die ich immer noch fühle,

nur ein traum?

 

 

 

teishin









                                         diese welt:

                                         ein schwindendes echo

                                         in den bergen,

                                         hohl

                                         und unwirklich

 

                                         im leichten schneefall

                                         dreitausend welten;

                                         in jenen welten

                                         fällt leichter schnee

 

                                         während der schnee sich

                                         in der dämmerung

                                         um meine hütte häuft,

                                         wird auch mein herz

                                         vollkommen verschluckt

 

 

 

                                                        ryokan




foto: otto lenk
foto: otto lenk






Dann ist nichts mehr, - Schweigen und Nacht. Aber der nachschwingend im Schweigen hängende Ton, der nicht mehr ist, dem nur die Seele noch nachlauscht, und der Ausklang der Trauer war, ist es nicht mehr, wandelt den Sinn, steht als ein Licht in der Nacht.

 

                                                                                   Thomas Mann: Doktor Faustus







 



Erklär mir, Liebe, was ich nicht erklären kann:

sollt ich die kurze schauerliche Zeit

nur mit Gedanken Umgang haben und allein

nichts Liebes kennen und nichts Liebes tun?

Muß einer denken? Wird er nicht vermißt?

 

 

 

Ingeborg Bachmann

aus: „Erklär mir, Liebe“





heimlich zur nacht



ich habe dich gewählt
unter allen sternen.

und bin wach - eine lauschende blume
im summenden laub.

unsere lippen wollen honig bereiten,
unsere schimmernden nächte sind aufgeblüht.

an dem seligen glanz deines leibes
zündet mein herz seine himmel an -

alle meine träume hängen an deinem golde,
ich habe dich gewählt unter allen sternen.


 

else lasker-schüler



                                                                                            




Vergi
ß, vergiß und laß uns jetzt nur dies

erleben, wie die Sterne durch geklärten

Nachthimmel dringen; wie der Mond die Gärten

voll übersteigt. Wir fühlten längst schon, wies

spiegelnder wird im Dunkel; wie ein Schein

entsteht, ein weißer Schatten in dem Glanz

der Dunkelheit. Nun aber laß uns ganz

hinübertreten in die Welt hinein

die monden ist –

 

 

Rainer Maria Rilke

 

                                                                                                        



                                                                                                    

 

 

 

 

frühling und herbst

wie auf einem feld aus träumen

die bambussprossen

ertrugen den reif

aus einer nacht wird schnell die nächste

sich vermehrend wie die weißen haare

 

 

rengetsu (1791-1875)

 





 



                                                                                                       



langsam bewegt der wind in der langsamen mondnacht dinge, die mit ihrer bewegung schatten bewegen.

vielleicht ist es nur die wäsche auf der leine im stockwerk über mir, doch der schatten weiß nichts von hemden und flattert nicht faßbar in stummem einklang mit allem.

 

 

 

fernando pessoa